Freitags-Impuls (4): „Hilf meinem Unglauben“

Ein halbes Jahr vor seinem Tod wurde Heiner Geißler gefragt: „Kann man Christ sein, auch wenn man an Gott zweifelt?“ Geißler: „Das kann man. Glaube ist nichts Selbstverständliches.“ Er gab zu: „Ich habe Zweifel. Und das ist auch keine Schande. Ich bin auch nicht der einzige, der zweifelt.“ – Heute ist Karfreitag. Wir denken daran, dass Jesus ermordet wurde. Als Jesus am Kreuz ausrief: „Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen?“, hat er da auch an Gott gezweifelt? Ja. Und nein. „JA“: Er war in diesem schrecklichen Leiden völlig allein. Er fühlte Gottes Nähe und Liebe nicht mehr. Und „NEIN“: Jesus schreit und betet genau zu dem gütigen Gott, dessen Gegenwart er nicht mehr spürt. Die er aber glaubt! Und mit diesen Worten beginnt Psalm 22, der Sterbepsalm der Juden. Der spricht von der Verzweiflung angesichts des Todes, ja. Aber (!) eben auch von Hoffnung und Gottvertrauen. „Gott, du hast das Vertrauen meiner Vorfahren enttäuscht.“ „Du hast mich Vertrauen gelehrt.“ „Sonst habe ich niemand, der mir hilft, als dich.“ Der Beter schreit Gott um Hilfe an und ruft dann aus: „Du hast mir Antwort gegeben.“ – Mir scheint es fast so, als seien die beiden Antworten „JA“ und „NEIN“ auf die Frage nach dem Zweifel eine Parallele zur Jahreslosung 2020: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Wir können, wie Jesus am Kreuz, beides gleichzeitig beten: Ich fühle dich nicht, Gott! Aber hilf mir, dir (weiter) zu vertrauen. Auch in dieser Zeit, die nicht leicht ist. – Heiner Geißler, der ein paar Jahre im Jesuitenorden war, zitiert ab und zu einen Satz dessen Gründers, Ignatius von Loyola, der sagte: Es kommt nicht darauf an, ohne Zweifel zu glauben, sondern Sehnsucht nach Gott zu haben. Oder noch eine Stufe zurückhaltender: „Die Sehnsucht nach der Sehnsucht, glauben zu können.“ – Solch eine Sehnsucht wünsche ich Ihnen zu Karfreitag, Ostern und überhaupt! Gott segne Sie! (Joachim Georg)

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