Waltraud-Krause-Weg — Artikel von Heiko Matthias Maetsch

Erinnerungen an Waltraud Krause
Wenn man einen gebürtigen Oberschöneweider nach der Geschichte des Ortsteils fragt, hört man schnell den Namen Waltraud Krause. Sie kennt hier jeder. Über vier Jahrzehnte hinweg sammelte sie Geschichten, Fotos, Dokumente und eröffnete 1997 sogar ein Heimatmuseum im Kiez. Wer auch immer ein Buch, einen Artikel oder einen Fernsehbericht verfasste, wurde bei ihr vorstellig. Jeder kennt sie als Orts-Chronistin. Aber wer war sie persönlich?
Im Juni 2007 bat ich sie um ein Interview. Sie, eine weißhaarige Frau mit freundlichen Augen, Schmunzelfalten und einem vornehmen selbstbewussten Auftreten, lud mich zu sich ins Seniorenzentrum St. Konrad ein, wo sie in einer kleinen Wohnung lebte. „Ach, diese Fernsehheinis,“ winkt Frau Krause ab, als ich sie auf ihr Interview für die Berliner Abendschau anlässlich der Eröffnung des neuen Kaiserstegs anspreche, „die haben so vieles gefragt, aber nur drei Sätze gesendet.“ Sie hat sich die Sendung danach angeschaut, aber eher zufällig. So ein Zirkus interessiert sie schon lange nicht mehr. Aber eine ehemalige Schülerin hat das Interview in Bayern gesehen und über die Redaktion Kontakt mit ihr aufgenommen, das hat sie wirklich gefreut. Überhaupt, wenn das Gespräch auf ihre ehemaligen Schüler kommt, blüht sie auf. Sie war 42 Jahre lang Lehrerin, Generationen von Oberschöneweidern hatten bei ihr Heimatkunde, Mathe, Deutsch und andere Fächer. Fast jeden Tag trifft sie ehemaligen Schüler, meist begrüßt man sich mit ihrem alten Klassenruf „Aloplop“ – quer über die Straße. Während sie das erzählt, stelle ich mir vor, wie ältere Herrschaften von über 70 Jahren einen Kinderruf durch die Häuserschluchten schallen lassen und finde das irgendwie skurril. Aber sie erzählt das so voller Freude und Stolz, dass ich mich als Zuhörer fragen muss, ob ich dereinst als 83-jähriger auch noch so freudig auf der Straße begrüßt werde. Ich zweifle.
Frau Krause ist keine typische Rentnerin. Nicht nur, weil sie bekannt ist und Auszeichnungen für ihr ehrenamtliches Engagement erhalten hat. Sie ist keck und helle im Kopp, wie der Berliner sagt. Sie würzt ihre Sätze mit Ironie, redet von sich selbst als „die Krause“ und hinter jedem Satz lauert eine Anekdote. Sie ist der Archetyp einer lieben lustigen Oma, Geschichten erzählend, mit Weisheit und Witz geschlagen und dennoch würdevoll. So eine Oma hätte ich gerne gehabt. Ich wette, sie hat in ihrer Handtasche Bonbons, die sie an Kinder verteilt.
Ursprünglich wollte ich von ihr etwas über den Kaisersteg erfahren, in der Geschichte meiner Heimat stöbern und alte Fotos betrachten. Doch je länger ich ihr zuhöre, desto mehr interessiert mich ihre persönliche Geschichte. Sie ist etwas verlegen, weil meine Fragen zunehmend „vom Thema“ abweichen. Sonst wollen die angemeldeten Besucher eher etwas von ihr als über sie erfahren. Doch sie erzählt bereitwillig, und in mir entstehen schneller neue Fragen, als sie diese beantworten kann. Die Uhr tickt, das Interview soll pünktlich enden, denn ihr Stundenplan ist voll. Ich fange vorne an und will wissen, wie sie Lehrerin geworden ist. Doch ohne es zu ahnen, sitze ich damit schon in einer Geschichtsstunde.
Ihre Familie, so erzählt sie, war Mitglied der Bekennenden Kirche, eine christlichen Bewegung, die sich der Nazifizierung der Christen im Dritten Reich widersetzte. Weil die offizielle evangelische Gemeinde von Oberschöneweide größtenteils braun war, besuchten sie den Gottesdienst der Diakonissen des nahe gelegenen Königin-Elisabeth-Hospitals in der heutigen Treskowallee. Ihre „Kindergarten-Tante Eugenia“ sagte immer zu ihr: „Traudelchen, du wirst Diakonisse.“ Und Traudelchen glaubte irgendwann selbst daran. Am 6. Juni 1945, so erzählt sie – und sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie bei Nachfrage auch Stunde und Minute nennen könnte –, sollte sie sich entscheiden. Sie nahm all ihren Mut zusammen und bat sich zwei Tage Bedenkzeit aus. Mit Inbrunst und einem kräftigen Lachen sagt sie heute: „Das war mein Glück – für den Lehrerberuf!“
Von ihrer alten Deutschlehrerin wurde ihr am folgenden Tag ein Brief in die Hand gedrückt, den sie zu einem Schulrat ins nahe gelegene Köpenick bringen sollte. „Artig“ machte sie, wie ihr aufgetragen ward. Sie erzählt, dass sie bis heute nicht weiß, was in diesem Brief stand. Der Schulrat las den Brief und schickte sie in einen Unterrichtsraum, wo ihr und heimgekehrten jungen Soldaten erklärt wurde, wie man unterrichtet. Sie erzählt davon in einem Tonfall, der an den liebenswert naiven Lehrer aus dem Film „Die Feuerzangenbowle“ erinnert. Die Gerechtigkeit des Lehrers unter besonderer Berücksichtigung der höheren Lehranstalten – so ähnlich moralistisch und idealistisch war wohl auch die Neulehrerausbildung in den ersten Nachkriegsmonaten. Viermal pro Woche Ausbildung, zusätzlich bis zu 18 Unterrichtsstunden, die sie selbst zu geben hatte. Gelernt und gelehrt wurde gleichzeitig, anfangs ohne Bezahlung. Nach zwölf Jahren Diktatur waren Nazilehrer im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands konsequent entfernt worden. Wer ordentlich schreiben, lesen und rechnen konnte, unverdächtig war und Interesse zeigte, konnte Neulehrer werden. Anfangs auch bekennende Christen wie Waltraud Krause. Ihre erste Klasse – sie nennt sie „Erstgeborene“ – wuchs bis zum Ende des Schuljahres auf 55 Mädchen an. „Mit einem großen Teil stehe ich heute noch in Verbindung. Inzwischen Großmütter“, schwärmt sie und ihre Augen glänzen. Es war damals ein Gefühl des Neubeginns und für sie war es ein Kindheitswunsch, schon als Jugendliche hatte sie voller Freude Nachhilfeunterricht gegeben. War es denn völlig unproblematisch als Christin unter den Kommunisten Lehrerin zu sein? „Nein“, antwortet sie, „was meinen Sie, wie oft ich die 20 Pfennig in der Hand hatte.“ Zum Telefonieren? Sie lächelt. „Um rüber zu gehen“, nach Westberlin. 20 Pfennig kostete damals ein BVG-Fahrschein.
Schon vor der Nazizeit riefen ihr die Kinder der linken Arbeiterschaft immer „Kirchen-Krause“ hinterher, in der Nazizeit wurde der Druck größer und auch die neuen Zeiten brachten für Christen kaum Besserung. Oft musste sie sich in der Schule rechtfertigen. „Was sagt die Kirche dazu?“, wurde sie immer wieder provozierend in Lehrerkonferenzen gefragt. Wurde der Druck größer, fühlte sie sich an die Hitler-Zeit erinnert und das sprach sie dann auch aus. „Oh!“ sagt sie, und man sieht ihr dabei wie in einem Spiegel die Empörung der SED-Lehrer an, „oft dachte ich, jetzt hämmern die dich endgültig raus. Aber sie haben mich immer wieder drin gelassen.“ Wie sie nach der Wende erst erfuhr, haben sich ihre Kollegen regelmäßig für sie eingesetzt und so ihre Entlassung verhindert. Der Titel Oberlehrer blieb ihr dennoch verwehrt und Unterricht durfte sie meist nur in der Unterstufe geben. Anfangs unterrichtete sie auch noch Religion in der staatlichen Schule, später war dies nur noch in Räumlichkeiten der Kirchen möglich. Dennoch machte sie nie ein Geheimnis aus ihren Glauben. Mit großer Freude erzählt sie, wie ihre Schüler reagierten, wenn diese versehentlich „Toi Toi Toi“ oder „Um Gottes Willen!“ sagten und sie die Schüler daraufhin ansprach. „Dann gab‘s immer ‘ne Religionsstunde, denn dann wollten die Kinder ja wissen, was das ist, warum ich das so gesagt habe“, erzählt sie mit sichtlicher Genugtuung. Musste sie vertretungsweise das politische Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde halten, so erzählte sie den Kindern z.B. etwas über den Reformator Martin Luther. „Deren Problem“, wenn die Verantwortlichen sie dazu einteilten. Viele Jahre später beichtete ihr ein SED-Parteifunktionär, dessen Kinder sie auch unterrichtete, wie man über sie dachte: „Wenn die auch kirchlich ist, aber die trägt ihre Fahne immer hoch.“ Sie war ein „offenes Blatt“, ehrlich. Diese Klarheit und – wie sie immer wieder betont – Gottes Gnade haben es ermöglicht, dass sie 42 Jahre lang Lehrerin sein durfte. Lehrerin, Orts-Chronistin und auch noch Laienpredigerin in ihrer Kirchgemeinde – blieb da keine Zeit für eine eigene Familie? Ihre Stimme wird leise und ich bedaure etwas, diese sehr persönliche Frage gestellt zu haben. „Ich gehöre zu der Generation“, sie stockt, „aus meiner Klasse ist nur ein einziger Junge wieder nach Hause gekommen, aus dem Krieg. Können Sie sich ja ausrechnen…“ Traurigkeit umringt uns. Nach einer Pause, die mir unendlich lang vorkommt, ergänzt sie: „Die wenigen Männer, die da waren, waren dann schon vergeben – oder ich mochte sie nicht.“ Sie erzählt, dass auch die Schulkinder sie häufig fragten: „Frau Krause oder Fräulein Krause?“ „Ich hab ihnen dann versucht zu erklären, was es bedeutet, wenn man allein ist und die Jungs im Krieg geblieben sind.“ Mit zitternder Stimme hat sie ihnen dann erklärt, wieso sie gegen jegliches Kriegsspielzeug ist – und sie deutet eine Pistole an, weil ihr anscheinend selbst das Wort „Pistole“ schon zu bösartig ist. „Die Kinder wussten genau, wenn Krauses Stimme wackelt, dicht dran, wo es überfällt“ und ihre Stimme schwingt dabei merklich, „dann haben sie mich, glaube ich, auch verstanden.“ Wenn sie Geburtstagskinder nach ihren Geschenken fragte, antworten diese manchmal, das wäre etwas, was Fräulein Krause nicht leiden könne. „Ich hätte die Kinder umarmen können, wenn sie so was gesagt haben. Aha, ein Samenkörnchen!“, frohlockt sie. Sie hat etwas in den Kindern bewirkt. Und ich bin mir sicher: aus vielen dieser Samenkörnchen sind große aufrechte Bäume geworden. Aloplop, Frau Krause!
Waltraud Krause starb 2010 im Alter von 85 Jahren. Anlässlich ihres fünften Todestages ehrt sie der Bezirk Treptow-Köpenick am 30. August durch die Benennung einer Straße nach ihrem Namen. Der Waltraud-Krause-Weg befindet sich zwischen Wilhelminenhofstraße und Siemensstraße neben der Feuerwache Oberschöneweide.   Heiko Matthias Maetsch

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